Heß-liches Gedenken steht bevor

Vom 8. bis 21. August veranstalten deutsche Neonazis eine bundesweite “Gedenk- und Aktionswoche” für den “Führerstellvertreter” Rudolf Heß. Unter dem Motto “Mord verjährt nicht – Die Warheit an’s Licht” werden Kameraden aufgefordert, sich auf unangemeldete Propaganda-Aktionen mit Heß-Bezug vorzubereiten.

Seit Heß’ zu spätem Ableben 1987 haben Neonazis immer wieder Aufmärsche zu seinem Todestag an der Begräbnisstätte im bayrischen Wunsiedel durchgeführt. Juristisch ist dieser traditionelle “Rudolf-Heß-Gedenkmarsch” allerdings heftig umstritten und wurde 1990 erstmals verboten. Die rechte Szene reagierte darauf Jahr für Jahr mit Ersatzveranstaltungen und “Spontan”-Aktionen in anderen Städten oder dem benachbarten Ausland, teilweise durch Tarnmottos, mit denen auf “Meinungsfreiheit” gepocht wurde.

Zwischen 2001 und 2004 fanden die Märsche dann wieder in Wunsiedel statt, jeweils mit vierstelligen Teilnehmerzahlen. Anmelder war der 2009 verstorbene Anwalt Jürgen Rieger, der zuletzt als stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD fungierte. 2005 wurde der Trauermarsch dann wegen Volksverhetzung erneut verboten. Erst 2009 durften Nazis wieder in Wunsiedel marschieren, allerdings mit viel weniger Anklang. 2010 beteiligten sich daran nur noch 130 Nazis.

Zuletzt, am 30. Juli 2011, folgten knapp 250 Nazis einem Aufruf der NPD nach Wunsiedel. Anlass war die Auflösung des zur Pilgerstätte verkommenen Heß-Grabes am 20. Juli, dessen Überreste ins Meer gekippt werden sollen. Der Aufmarsch war allerdings nur unter der Auflage gestattet worden, keinen erkennbaren Bezug zu Heß herzustellen (offizielles Motto: “Fremdarbeiterinvasion stoppen”). Um den NS-Bezug zu erhalten, finden seit Jahren parallel zu offiziellen Aufmarsch-Versuchen auch niedrigschwellige und wenig koordinierte “Aktionswochen” statt, die vor allem von Kameradschafts-Gruppen getragen werden. Typische Aktionsformen sind das Anbringen von Transparenten und Graffiti sowie das Streuen von Flugblättern, in denen Heß zumeist als “Märtyrer” dargestellt wird.

Sächsische Nazis trieben 2007 etwas mehr Aufwand und schickte einen Lkw auf Tour, der mit Heß’ Konterfei versehen war und in Leipzig u.a. vor dem Völkerschlachtdenkmal und dem Bruno-Plache-Stadion Halt für eilige Fototermine machte (Foto links). Organisiert wurde die Tour durch den Leipziger Nils Larisch, der die Beschriftung allerdings per Hand abkratzen musste, als die Polizei den Laster aus dem Verkehr zog. 2010 folgte eine ähnliche Aktion des “Freien Netzes”, bei der ein mobiler Heß-Aufsteller vor öffentliche Gebäude in Sachsen-Anhalt gerollt wurde (Foto rechts).

Zuletzt von sich Reden machten Heß-Aktionen im Jahr 2009, als für dutzende Städte “Flashmobs” rund um den 17. August angekündigt wurden. Allerdings wurde der Aufruf dazu kein Selbstläufer, die meisten Termine waren ohnehin Fakes.

Der dennoch anhaltende Totenkult um Heß geht auf den geschichtsrevisionistischen Versuch zurück, deutsche Kriegsverbrechen zu relativieren, indem Heß als “Friedensflieger” dargestellt wird. In der Tat war Heß 1941, vermutlich auf eigene Faust, nach Schottland geflogen – offenbar, um Großbritannien gegen die Sowjetunion aufzuhetzen und damit einem Zwei-Fronten-Krieg zu entgehen. Die Briten nahmen Heß als einen der höchsten NS-Funktionäre in Kriegsgefangenschaft, beim Nürnberger Prozess wurde er 1945 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 nahm er sich, noch immer in Haft, das Leben. Seitdem kursiert in der Naziszene das unbewiesene Gerücht, Heß sei von irgendeinem Geheimdienst ermordet worden.

Ein möglicher Anlaufpunkt für Heß-Fans wird auch die NPD-Kundgebung am 20. August vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal sein. Sie findet nur drei Tage nach dem Todesjubiläum statt.

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