NS-Verherrlicher backen ganz kleine Brötchen für Rudolf Heß

Am Sonntag endeten die diesjährigen “Gedenk- und Aktionswochen” für den “Führerstellvertreter” Rudolf Heß, der in der Naziszene als Märtyrer verehrt wird (GAMMA berichtete). Für Aktionen mit Heß-Bezug kursierte wie in den Vorjahren ein bundesweiter Aufruf, indes fehlten diesmal sowohl einheitliche Motive wie Plakate und Aufkleber, als auch zentrale Anlaufpunkte für Sympathisanten. Stattdessen gab es eine Reihe niedrigschwelliger Aktionen, zumeist das Schmieren von “Heß”-Schriftzügen. Diese wurden als “Propaganda der Tat” penibel von ihren Urhebern dokumentiert, waren aber für sich gesehen kaum der Rede wert.

Niedrigschwelliger Aktionismus

Schwerpunkt solcher Aktionen war in Sachsen die Region um Döbeln (Landkreis Mittelsachsen) unter Regie der Kameradschaft “Freies Döbeln”. Zudem gab es bereits am Abend des 5. August einen “Spontan”-Aufmarsch in Bad Lausick (Landkreis Leipziger Land), an dem sich nach Eigenangaben für zehn Minuten etwa 30 Nazis beteiligt haben. Ein zugehöriger “Aktionsbericht” wurde von den “Freien Kräften Kohrener Land” veröffentlicht, die zum “Freien Netz Leipziger Land” gehören.

Unangemeldete Mini-Aufmärsche gab es auch am 7. August in Sangerhausen und am 19. August in Querfurt (Sachsen-Anhalt) mit lediglich 20 bzw. 30 Teilnehmern. In Sachsen-Anhalt waren Kundgebungen mit Heß-Bezug zwischen 12. und 22. August – bis zum Ende der “Aktionswochen” – pauschal verboten worden. Auch in Leipzig waren anlässlich einer letztlich ausgefallenen NPD-Kundgebung am 20. August Heß-Bezüge per Auflagen tabu.

Ein Treffen von etwa 100 Nazis, die am 13. August in einer Gaststätte im Cottbuser Stadtteil Dissenchen Heß “gedenken” wollten, wurde von der Polizei aufgelöst. Der einzige öffentliche Versuch, eine Heß-Veranstaltung abzuhalten, ging von Christian Bärthel (Jg. 1974) aus dem thüringischen Ronneburg aus. Der als “Reichsbürger” bekannte Selbstdarsteller – er bezeichnet sich neuerdings als “Evangelist” – wollte am 13. August einen “Gottesdienst” im bayrischen Wunsiedel abhalten, wo bis vor kurzem Rudolf Heß begraben lag. Auch diese Veranstaltung durfte nicht stattfinden. Einzelne Nazis, die dennoch erschienen waren, sind von der Polizei an einer Versammlung gehindert worden.

Allerdings tauchte Bärthel in den nachfolgenden Tagen als Redner einiger Saalveranstaltungen auf, darunter am 19. August in der Leipziger Odermannstraße 8 (“Nationales Zentrum”). Thema dieser Veranstaltung war laut Werbung des NPD-Kreisverbandes die “Rechtslage in Deutschland” und ihre “praktische Anwendung auf dem Weg der Befreiung”. Nach GAMMA-Informationen hat Bärthel bereits am 8. Mai 2009 am gleichen Ort zum selben Thema referiert und damals kritisiert, dass die “Benennung historischer Tatsachen” – er meint Holocaustleugnung – in Deutschland verboten ist.

NS-Verherrlichung im Abwind

Laut Bärthel-Texten besteht das Dritte Reich “juristisch” weiter. Rudolf Heß sei 1987 vom englischen Geheimdienst getötet worden, damit er den angeblich “erfundenen” Holocaust nicht als Lüge enttarnen und damit die NS-Herrschaft rehabilitieren kann. Hinsichtlich Heß’ historischer Rolle (“Friedensflieger”) und den Umständen seines Todes sind dies Grundüberzeugungen der rechten Szene.

Allerdings verlieren solche Positionen weiter an Relevanz. Das zeigt nicht nur das immer unmerklicher ausfallende jährliche Heß-Spektakel, sondern auch andere geschichtsrevisionistische Szene-Events wie der “Trauermarsch” in Bad Nenndorf (Niedersachsen). Zur bereits fünften Auflage erschienen am 6. August etwa 650 Nazis, 2010 waren es noch knapp 1.000.

Weitere einst bedeutende NS-Folklore-Märsche wie das “Heldengedenken” in Halbe und Seelow (Brandenburg) haben Reiz und Handlungsspielraum komplett verloren. Der für die Organisation zuständige “Freundeskreis Halbe” hat sich schon vor zwei Jahren stillschweigend aufgelöst. Die Aufmärsche in Halbe fanden seit 1990 regelmäßig statt, seit 2006 sind weitere Demonstrationen über den Friedhof aber durch eine Änderung des brandenburgischen Versammlungsrechts verhindert worden.

Ein Faktor bei den geringer und kraftloser werdenden Mobilisierungen ist u.a. die schwindende Akezeptanz für Organisatoren wie den Hamburger “Szene-Veteran” Christian Worch sowie das Wegbrechen des “Szeneanwalts” Jürgen Rieger durch sein Ableben im Oktober 2009. Rieger war wiederholt als Anmelder der Heß-Märsche in Erscheinung getreten. Zu einer “Totenleite” für Rieger kamen am 14. November 2009 etwa 700 Nazis nach Wunsiedel, seiner “juristischen Wirkungsstätte”. Das ist ausgesprochen wenig: Zwischen 2001 und 2004 erreichten die Wunsiedel-Märsche für Heß eine vielfach höhere Teilnehmerzahl.

Ausblick

Die Umwidmung der traditionellen, aber wiederholt verbotenen Heß-Gedenkmärsche in Wunsiedel zu legalen Rieger-Trauerfeiern ist offenbar gescheitert: Im vergangenen Oktober interessierten sich nur noch 130 Nazis für eine “nationale Gedenkveranstaltung” in der oberfränkischen Kleinstadt. Und eine Anmeldung für 2011 liegt noch gar nicht vor.

Neben den jährlichen “Trauermärschen” um den 13. Februar in Dresden und den Nenndorf-Märschen ist derzeit nur noch der Magdeburger “Trauermarsch” von überregionaler Bedeutung. Er fand zuletzt am 15. Januar 2011 statt, allerdings stagnieren die Teilnehmerzahlen dort an der Tausendermarke. Nur die Hälfte davon kam am 5. März für einen “Trauermarsch” in Chemnitz zusammen. Zu einem weiteren “Trauermarsch” in Plauen (Vogtland), der eine Kopie seiner größeren Vorbilder werden sollte, waren am 16. April gerade einmal 130 Nazis erschienen.

Die Naziszene steht zunehmend vor dem Problem, eines ihrer bisher zugkräftigsten Themen – Geschichtsrevisionismus, Schuldumkehr und NS-Verherrlichung – aus Mangel an Gefolgschaft einzubüßen. Ausweichkonzepte wie “Gedenkwochen”, “Spontan”-Aufmärsche und neue Labels für Traditions-Events haben sich dagegen nicht als Ersatz bewährt.

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